Wer bremst, verliert?

„Nur Fliegen ist schöner“ – so die Devise meister Autobegeisterter mit Benzin im Blut. Ein schnelles Auto zu besitzen ist schön, es auch mal fliegen zu lassen, ist noch schöner! Zum Glück lassen es nicht nur teilweise unsere Autobahnen, sondern auch die Rennstrecken mit ihren Trackdays für Privatleute zu, dem Boliden auch mal Feuer unter dem Hintern zu machen. Doch wer (schnell) fährt, ist auch vor Gefahrensituationen nicht gefeit. In solchen Momenten kommt es natürlich auf die Reaktion des Fahrers an – aber auch auf die zur Verfügung stehende Technik. 

Eine sehr wichtige, aber leider oft vernachlässigte Komponente beim Tuning von Fahrzeugen ist die Bremsanlage. Diese sollte der Motorisierung stets angepasst werden. Doch welche Arten von Bremsanlagen bzw. Bremsscheiben gibt es da? Worin unterscheiden sie sich? Wir erklären es euch nachfolgend: 

Serienmäßig ist bei vielen Fahrzeugen eine glatte Bremsscheibe verbaut – auf deren Vor- und Nachteile werden wir nicht gesondert eingehen. Meistens sind diese Bremsscheiben lediglich innenbelüftet. Die Innenbelüftung dient dem schnelleren Auskühlen der Bremsscheibe, um auch nach einem härteren oder längeren Bremsvorgang die Bremswirkung aufrecht zu erhalten.

Gelochte Bremsscheiben

Um die Kühlung nach und während des Bremsvorgangs weiter voranzutreiben, kann man beispielsweise gelochte Bremsscheiben montieren. Diese heizen sich aus zwei Gründen nicht so schnell auf: durch die Bohrungen ist weniger „Material“ in der Scheibe vorhanden, sodass das verbleibende Material schneller auskühlt. Des Weiteren wird durch das Rotieren und durch die Bohrungen immer wieder kühle Luft zwischen Scheiben und Beläge gebracht und verhindert somit eine Überhitzung der Scheiben.

Ein bekannter (optischer, vor allem aber sicherheitsrelevanter) Nachteil ist die Bildung von feinen Haarrissen um die Bohrungen der Scheiben herum. Diese entstehen wenn der Wagen nach einer längeren oder stärkeren Bremsung zum Stillstand kommt und dann nur an den Löchern, welche sich zwischen den Bremsbelägen befinden – da diese Flächen nicht so schnell auskühlen können, wie es bei der restlichen Fläche der Fall ist. Durch die Materialverspannung können dann Risse entstehen, die sich immer weiter ausbreiten und im Extremfall zum Abriss von Teilen der Bremsscheibe führen können.

Geschlitzte Bremsscheiben

Im vorausgegangenen Absatz haben wir die gelochten Bremsscheiben erklärt. Um die feinen Risse zu vermeiden, aber die Kühlungsvorteile dennoch zu nutzen, wurden geschlitzte Scheiben entwickelt. Da bei geschlitzten Scheiben keine Durchbohrungen vorhanden sind (somit auch keine Dehnungsunterschiede), kommt es auch nicht zu der unschönen Rissbildung. Durch die Vertiefungen erhält man dennoch den Effekt einer größeren Fläche für den Wärmeaustausch, wie es auch bei gelochten Bremsscheiben der Fall ist. Eine weitere Funktion der eingefrästen Schlitze ist die Abführung des Regenwassers und des Bremsenabriebs welcher sich auf der Oberfläche der Scheiben sammeln würde. Das trägt zu einer Verbesserung des Ansprechverhaltens bei. Gegenüber den gelochten Bremsscheiben besteht der Vorteil auch darin, dass die Schlitze nicht verstopfen und die Bremswirkung damit nicht beeinträchtigen.

Einteilige vs. mehrteilige Bremsscheiben

Bereits der Name sagt es: hierbei handelt es sich um ein- und mehrteilige Bremsscheiben. Die einteiligen Scheiben sind „aus einem Guss“, während mehrteilige Scheiben aus einem „Topf“ (Achsbefestigung) und einem „Reibringe“ bestehen. Der Topf ist der Bauteil welcher auf die Radnabe kommt, also das Grundgestell der Bremsscheibe. Die Töpfe sind meistens aus Aluminium und damit sowohl leichter als auch besser in der Wärmeableitung als gewöhnlicher Stahl. Stichwort „ungefederte Masse“. Der Reibring ist mit dem Topf verschraubt und die Verbindung ist leicht flexibel. Die Flexibilität hat folgenden Grund: bei einer scharfen Kurvenfahrt bewegt sich die mit der Bremsscheibe verschraubte Radnabe ganz leicht und neigt damit auch die Bremsscheibe. Die geneigte Bremsscheibe reibt somit am Bremsbelag, heizt sich auf, nutzt den Belag ungleichmäßig ab und drückt die Kolben zurück, sodass nach der Kurvenfahrt die Beläge nicht mehr bündig an der Scheibe anliegen, sondern der zurückgestellte Kolben etwas Luft zwischen Bremsscheibe und Belag bietet. Beim nächsten Bremsvorgang würde man das Pedal zunächst ein Stück weit ins Leere treten und damit wertvollen Bremsweg verschenken. Die flexible Verbindung der Scheibe und des Topfes gleicht diese Differenz aus und hält damit die Scheibe vom Belag fern. Die De- und Montage des Reibrings und des Topfes ist nur vom Fachpersonal durchzuführen.

Wärmebehandelte Bremsscheiben

Die Bremsleistung kann auch durch den Einsatz wärmebehandelter Bremsscheiben erhöht werden. Diese Scheiben werden bei der Herstellung nach dem Abdrehvorgang einem vorgegebenen Erwärmungs- und Abkühlungsprozess unterzogen – hierbei entsteht eine gleichmäßige Gefügestruktur. Das neu entstandene Material hat eine bessere Wärmeableitungsfähigkeit und neigt weniger zum Verziehen.

Bei schneller Fahrt müssen auch die Bremsen einen „kühlen Kopf“ bewahren, daher ist es zwingend notwendig, für eine ausreichende Bremsenbelüftung zu sorgen. Fahrzeuge mit einer modifizierten Bremsanlage, welche auch viel Reibungshitze entwickelt sind angehalten, entsprechende Belüftungsvorrichtungen zu montieren. Oft sehen wir diese als Nebelscheinwerfer-Ersatz in Form eines Gitters in der Frontschürze. Von dort aus werden entsprechende Lüftungsleitungen zu den einzelnen Rädern installiert.

Das gesamte Velocity-Team wünscht Euch eine gute Fahrt und stets kühle und dem Wagen angepasste Bremsen!

Tags: Technik-Tipp

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  • Wie siehst aus mit TUV?

    Super Beitrag und sehr verständlich. Bitte schreibt noch etwas zu der notwendigen Abnahmeprozedur für die Scheiben und Beläge, die ich auf meinen 2010er GT schrauben möchte. Wie sicher ist z.B. eine Eintragung von geschlitzten Scheiben und Hawk Belägen , die zwar besser als das Ford-Original sind, aber am freundlichen Prüfer vorbei müssen?

  • TÜV sollte unproblematisch sein

    Hi!
    Vielen Dank für dein Feedback. Speziell bei deinem Modelljahr dürfte sich die Eintragung einfacher gestalten als bei den neueren Modellen:
    Bis einschließlich 2014 war der Mustang ein reines Importfahrzeug und verfügte auch nicht über entsprechende E-Prüfzeichen auf den einzelnen Bauteilen. Dies führte zwangsläufig dazu, dass der Fahrzeugschein mit Ausnahmegenehmigungen vollgeschrieben wurde. In diesem konkreten Fall geht es um die Angabe "Bremsanlage gem. FMVSS 135", welche sich unten im Schein befinden sollte. Da hier keine konkrete Bremsanlage angegeben ist, sondern nur darauf hingewiesen wird, dass du eine Bremsanlage nach der US-Norm FMVSS 135 montiert hast, sind damit alle Bremsteile zulässig, die sich an diese sehr gängige US-Norm halten.
    Viele Grüße aus dem Tech-Team!
    Danny