Einfahren neuer Motoren

Immer dann, wenn ein Neuwagenkauf ansteht, stellt sich früher oder später die Frage, ob ein moderner Motor überhaupt noch eingefahren werden muss. Nimmt man den aktuellen 2016 Ford Mustang (US-Modell) als Beispiel, so findet man im Handbuch des EcoBoost, V6 und GT nur einen Hinweis, dass in den ersten 1600km wegen der Einfahrphase des Motors der Spritverbrauch etwas höher ausfallen kann, jedoch keine speziellen Anweisungen, wie der Motor während dieser Zeit behandelt werden soll. Nur im Handbuch des Shelby GT350 findet man konkrete Anweisungen, während der ersten 160km große Motorlasten zu vermeiden und während der ersten 1600km das Fahrzeug nicht auf der Rennstrecke zu verwenden, sowie mit den Drehzahlen zu variieren. Bedeutet das, dass man wirklich nur den Shelby GT350 schonen muss und bei allen anderen Modellen ab dem ersten Kilometer alles abverlangen darf?

Eine definitive "genau so ist es und daran habt ihr euch zu halten"-Antwort können wir euch nicht geben, aber etwas Hintergrundwissen, damit ihr selbst entscheiden könnt, ob, wie und wie lang ihr einen neuen Motor einfahren werdet.

Holen wir mal etwas weiter aus: Warum war das Einfahren eines Motors früher ein so großes Thema und heute nicht mehr?
Die Entwicklung ist nicht stehengeblieben. Die Einfahrphase dient beispielsweise dazu, dass sich die Kolbenringe an die Zylinderwände anlegen und möglichst gut abdichten. Zerlegt man den Motor eines Oldtimers und vergleicht die Kolben und Kolbenringe mit denen eines modernen Motors, fällt eines sofort auf: Beim Oldtimer ist alles viel größer. Die Kolben sind wesentlich länger, vor allem aber die Kolbenringe sind um einiges größer und arbeiten mit einer wesentlich größeren Vorspannung. Auch die Motorblöcke wurden früher bei weitem nicht so präzise gefertigt wie heute, die Honqualität war um einiges niedriger und deshalb war es durchaus üblich, dass während der Einfahrphase eines Motors hier und da noch geringe Unebenheiten weggeschliffen wurden und sich ein paar Metallspäne im Öl fanden, das typischerweise nach wenigen tausend Kilometern gewechselt werden musste. Das Öl war im Gegensatz zu heutigen Fahrzeugen auch ein spezielles Einfahröl, das von den Eigenschaften her interessanterweise richtig schlecht war: Schließlich sollte ja hier und da ein wenig "gehobelt" werden, daher wären perfekte Schmiereigenschaften kontraproduktiv und würden die Einfahrphase unnötig in die Länge ziehen. Das anfangs kurz erwähnte Variieren der Motordrehzahl hat übrigens den Sinn, dass möglichst viele verschiedene Lastzustände durchgespielt werden, damit sich die Kolbenringe optimal an die Zylinderwände angleichen. Was viele nicht wissen: Zu kräftiges Motorbremsen (beispielsweise proviziert durch Runterschalten bei Schaltgetrieben) ist während dieser Phase ebenfalls kontraproduktiv, man sollte im gleichen Gang bleiben und den Motor immer wieder im Schubbetrieb etwas bremsen lassen. Dadurch erreicht man, dass etwas Öl in die Brennräume gesaugt wird und dabei feinste Metallspäne mitnimmt, die anschließend verbrannt und über den Auspuff abgegeben werden . Generell sind für das Einfahren kurvige Landstraßen geeignet, bei denen die Last und Drehzahl des Motors stark variiert - Stadtverkehr mit langen Standzeiten an Ampeln sollte man eher vermeiden.

Was hat all das heute noch für eine Relevanz? Da Kolbenringe in modernen Motoren wesentlich kleiner aufgebaut sind und mit deutlich weniger Vorspannung arbeiten, sowie die Zylinderwände wesentlich präziser gefertigt sind, ist das gesamte Thema "Einfahrphase" bei weitem nicht mehr so dramatisch wie früher. Eine kurze Volllast-Fahrt innerhalb der ersten tausend Kilometer wird sicherlich nicht wie früher zu Brandspuren an Kolbenringen und tiefen Kratzern an Zylinderwänden, sowie anschließend entsprechend hohem Ölverbrauch führen - technisch sind wir tatsächlich an einem Punkt angelangt, an dem sich die Motoren bei weitem nicht mehr so sensibel wie früher während der Einfahrphase verhalten. Das bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass diese gleich ab der ersten Umdrehung perfekt laufen. Zwar werden alle Motoren auf Prüfständen im Werk bereits getestet und Komponenten wie z.B. Nockenwellen eingefahren, aber dennoch schadet es nicht, sich zumindest grob an die früheren Anweisungen zu halten, sprich: Vollast vermeiden, mit Drehzahlen variieren und lange Leerlaufphasen vermeiden. Im Zweifelsfall wird man anschließend mit einen geringeren Ölverbrauch belohnt und darf sich über ein längeres Motorleben freuen. Ob man nach den ersten tausend Kilometern einen Ölwechsel durchführt, ist ebenfalls jedem selbst überlassen. Wie bereits weiter oben erwähnt, werden heute keine Einfahröle, sondern qualitativ hochwertige Motoröle für die Erstbefüllung verwendet, sodass man keinen hohen Verschleiß zu befürchten hat, wenn man das Öl über die Einfahrphase hinaus im Motor lässt - Argumente für einen Ölwechsel gibt es dennoch. Das Öl der Erstbefüllung kann durch Verunreinigungen aus dem Herstellungsprozess des Motors möglicherweise schlechtere Eigenschaften erhalten, außerdem können feine Metallpartikel im Öl enthalten sein, die aus der Einfahrphase resultieren. Zwingend notwendig ist der Ölwechsel nach der Einfahrphase keineswegs, rausgeschmissenes Geld aber genausowenig.

Tags: Technik-Tipp

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  • Sehr guter Artikel, gut zu wissen

    Solche Artikel sind sehr instruktiv.. danke..